[ANDREA HILDEBRANDT]  

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A FLOWERY MEADOW 2011

                         

[vlnr: Ohne Titel, 2011, Gouache, Acryl auf Leinwand; Ohne Titel, 2011, Gouache, Acryl auf Leinwand

Floating, 2011, Gouache, Acryl auf Leinwand]  

 

 

MARC LANGENBERGER

DAS ENTSCHWINDEN DER HARMONIE

A Flowery Meadow – die Welt als eine duftende Wiese voller Blumen. Eine wunderbare Vorstellung! Der Titel dieser Reihe aus groß- und kleinformatiger Zeichnung und Malerei, verspricht die Betrachterin in eine wunderbare, anmutige Welt zu entführen, jedoch hält Andrea Hildebrandt dieses Versprechen mit Ihren Arbeiten nur auf den ersten Blick. Auf den  zweiten Blick offenbart sich hinter der beeindruckend schillernden Farbgewalt des Blumenmotivs eine entzauberte Welt, in der prächtige Blüten zu welken oder deformierten Fragmenten werden. Andrea Hildebrandt spielt subtil mit dem Klischee des Blumenmotivs.  Sie benutzt und transformiert das Sujet des barocken Prunkstilllebens des späten 17./18. Jahrhunderts mit primär dekorativ-representativem Zwecke und setzt ihre Bilder, die die Betrachterin vor der Illusion des schönen Scheins warnen und auf sich selbst zurückwerfen, dagegen. Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich formuliert es so: „Je raffinierter die Illusion, desto eindringlicher die Moral vom Gegensatz zwischen Schein und Sein.“[1] Die Bilder der Reihe entwickeln sich während der Arbeit daran in immer surrealer anmutende Kompositionen mächtiger, bedrohlich wirkender vegetabiler Gefüge. Teils werden die einzelnen Pflanzen fragmentarisiert, abstrahiert, verformt und wirken wie lose, umgeben von flirrenden Farbflächen im vielschichtigen räumlichen Wirrsal schwebend. Die scheinbar schwerelos gleitenden Flächen stehen im starken Kontrast zu den recht beunruhigend monströs wirkenden Formen. Diese Darstellung der verfremdeten Blüten, Stängel und des Geästs widerspricht dem klassischen Stillleben Motiv von in einer Vase arrangierten Blumen. Vielmehr liegen, schweben oder stürzen hier die Blumen und Blätter kreuz und quer durcheinander ohne festen Anker, aber meist vom Zentrum des Bildes ausgehend.

Arbeiten wie Floating hingegen suggerieren eine gewisse Leichtigkeit oder Verspieltheit. Es eröffnen sich Assoziationen zu tiefblauem Kosmos oder nebligen Wolkenschleiern, die die Pflanzenformen, Blüten und Fragmente umspielen und verhüllen. Die Betrachterin wird eingeladen kontemplativ in die atmosphärische Szenerie - in irreale Sphären räumlicher Weite einzutauchen. Als Ausgangsmotive für ihre Arbeiten benutzt Andrea Hildebrandt zumeist gezielt Schnittblumen als vom Menschen gezüchtete Pflanzen mit kurzer Lebensspanne. Noch vor der Blüte „geerntet“ und damit bereits dem Tode geweiht, einzig zum Zweck dem Menschen mit ihrer Schönheit zur Ansicht zu dienen. Auch Ansichten im Weltall explodierter  Sterne und damit entstehende Gas und Staubwolken oder Aufnahmen von Sternhaufen und flirrenden Schleiern um Schwarze Löcher herum, bilden den motivischen Ausgangspunkt der Arbeiten dieser Reihe.

Andrea Hildebrandt geht es in ihren Bildern stets freilich nicht allein um die Darstellung der Schönheit der Natur und der Dinge, sondern eher darum auch einen Gedanken zu transportieren. Die Arbeiten der Reihe A Flowery Meadow stehen somit in der Tradition des Stillleben des frühen 17. Jahrhunderts und knüpfen damit an dessen moralischen Impetus an. Die beeindruckenden Bilder von Andrea Hildebrandt sind wie die Versinnbildlichung der Begrenztheit des Menschen – seiner Handlungsfähigkeit wie auch seines Verstehens. Wir lassen uns treiben durch einen phantastischen Kosmos, umgeben von all den Widersprüchen, Verstrickungen und Überraschungen, denen wir unweigerlich ausgesetzt sind und die das Leben immer wieder neu für uns bereit hält - ob wir wollen oder nicht. Jedoch dies gleichermaßen als Chance zu begreifen uns neu "zu ordnen", darin liegt die Schwierigkeit. Die Arbeiten von Andrea Hildebrandt scheinen wie die Visualisierung des Entstehens und Entschwindens der Harmonie, der Dinge, der Zeit. Eine „Wiese“ voller Blumen in steter Veränderung.

Berlin im Mai 2011.

[1] Ernst H. Gombrich: „Das Stilleben in der europäischen Kunst. Zur Ästhetik und Geschichte einer Kunstgattung“, in: Derselbe: Meditationen über ein Steckenpferd. Von den Wurzeln und Grenzen der Kunst, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978 S. 171–188, hier S. 187